Im Moment erleben wir in unserer Arbeit, dass nahezu alle schulischen Akteur:innen ihre Arbeits- und Lebenssituation als belastend empfinden, weil es nicht mehr gelingt, den eigenen Ansprüchen und Bedürfnissen in der pädagogischen Arbeit gerecht zu werden – weder mit Blick auf die Kinder und Jugendlichen, noch im Sinne des eigenen Wohlbefindens und den dafür nötigen Rahmenbedingungen.

„Bei uns brennt schon lange die Hütte. Und jetzt auch noch der Krieg.”

(Lehrerin, Grundschule)

Diese oder ähnliche Worte hören wir täglich in variierender Form. Aus einem solchen Erleben heraus den Blick in eine gelingende Zukunft zu richten, (Schul)-Entwicklungsprozesse anzustoßen oder Neues zu gestalten, scheint fast unmöglich. Und dabei liegt gerade hier das aktivierende Potenzial für die eigene und gemeinsam erfahrene Handlungsfähigkeit, die Kraft des gemeinsamen Handelns aus einem geteilten Bewusst-Sein.

In zwei richtungsweisenden Beiträgen hat Otto Scharmer kürzlich eben jene “Power of Collective Action from Shared Awareness” (*Im Deutschen lässt sich Awareness als “Bewusstsein” nur eher unzutreffend beschreiben, weil es hier weniger um eine geistige Dimension, denn eine Form des “Gewahrseins” geht, deshalb wähle ich hier die Schreibweise “bewusst-sein.”) beschrieben, mit der es gelingen kann, einer sozialen Kultur der Destruktion eine Kultur der (Ko-)Kreation entgegenzusetzen. Und so wieder in Kontakt zu kommen mit der (eigenen) Handlungsfähigkeit – als Voraussetzung dafür, dass eine andere – gute – Zukunft möglich wird. Klingt abstrakt? Machen wir es konkret.

In der katholischen Don-Bosco-Schule Rostock teilt Schulleiter Gert Mengel seine Ideen und Fragen zum Lernen der Zukunft in monatlichen Rundmails mit der Schulgemeinschaft und öffnet gemeinsam mit einem Vater der Schule in 14tägigen Meet-ups einen virtuellen Impulsraum für Eltern, Lehrer:innen und Schüler:innen mit inspierenden Beispielen und Menschen – als Auftakt zu einem langfristig angelegten transparenten und partizipativen Schulentwicklungsprozess.

Im Johann-Heinrich-Pestalozzi Gymnasium Stadtroda erproben ausgehend von einer Arbeitsgemeinschaft Schulentwicklung Lehrer:innen, Schüler:innen und Eltern in ELSA-Gruppen neue Formen der Zusammenarbeit und setzen von Schulhofgestaltung über Digitalisierung bis Leitbildarbeit gemeinsame Anliegen um. Dabei geht es natürlich auch darum, was entsteht, vielmehr aber um eine alternative Form des Miteinanders. Das Credo der Schulleitung ist: allen Raum zum Gestalten geben.

So wie es bei der Gründung einer handlungspädagogisch orientierten Waldorfschule in Leipzig geschieht, wo Eltern, Pädagog*innen und Akteur*innen aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft eine ko-kreative Entwicklung des Schulprogramms in monatlichen Workshops und Werkstätten erproben.

Das erschöpfte Bildungssystem

Wir erleben derzeit in vielen (schulischen) Zusammenhängen eine erschöpfte, verhärtete und/oder destruktive Stimmung. Kolleg:innen fühlen sich nicht gesehen, die Arbeitsbelastung ist hoch, täglich kommt noch etwas drauf. Die (Schul-)Leitung wird verantwortlich gemacht, weil sie nicht für bessere Rahmenbedingungen sorgt. Die Zwänge und Nöte der Schulleitungen sind groß, die Verwaltung wird verantwortlich gemacht, weil sie im Rahmen der politischen Vorgaben diese schlechten Rahmenbedingungen setzt. In den Verwaltungen ermüden Mitarbeiter:innen in starren Strukturen und in den Bildungsorganisationen, die systemverändernd wirken wollen, brennen motivierte Menschen aus. Das marode Schulsystem, Corona und jetzt noch der Krieg. Fast alle fühlen sich abgeschnitten von der eigenen Handlungsfähigkeit. Vielleicht bestärken wir uns gegenseitig in unserer eigenen Ohnmacht, vielleicht werden wir wütend aufeinander. Man hätte, man könnte, man sollte! Wie soll das so jemals besser werden? Otto Scharmer nennt diese Art der Erfahrung “absencing” (Abwesenheit), geprägt von einem Gefühl der Verzweiflung, der Depression, der Entrüstung.

Was aber wenn wir gleichzeitig Zugang hätten zu einem anderen Gefühl in uns? Nehmt Euch einmal den Moment und lauscht in Euch hinein. Ist da nicht ein Gefühl, dass uns sagt, es muss doch noch etwas anderes möglich sein? Eine Erfahrung, die wir kennen, wenn wir gemeinsam in einen kreativen Prozess gehen, im Flow sind, uns von Freund:innen oder Kolleg:innen angenommen fühlen, mit den Schüler:innen diesen magischen Moment teilen, wenn plötzlich alle ruhig arbeiten, glücklich sind, aus dem geplanten Vorhaben eine neue Idee entsteht, an die wir vorher noch gar nicht gedacht hatten. Und auf einmal geht es weiter. Was ist hier passiert? Was ist anders? Vielleicht lässt sich diese Erfahrung mit den drei großen V beschreiben: Verbindung, Verletzlichkeit und Verantwortung.

Wir haben die Ebene der Konkurrenz und des Kampfes (Ego-Bewusstsein) verlassen und uns aufeinander eingelassen. Wir haben uns in unseren Schwächen und Unsicherheiten gezeigt, unsere Stärken verbunden und gemeinsam die Verantwortung für einen Veränderungsprozess übernommen (Öko-Bewusstsein). Wir sind schöpferisch tätig geworden. So konnten wir einer Möglichkeit Raum geben, die wir noch nicht kannten. Das trägt.

Die gegenwärtige Situation ist auf vielen Ebenen herausfordernd und sie macht betroffen. Aussichtlos ist sie in unseren Augen nicht.

Einer anderen Wirklichkeit Raum geben

Wie können wir auf die akute Situation und die wachsenden Herausforderungen unseres Bildungssystems angemessen reagieren? Otto Scharmers Vorschlag ist in letzter Konsequenz ein radikaler: Indem wir den Mut haben, uns unseren „blinden Flecken“ zu stellen, die wirklichen Schatten zu sehen. Das ist, wir ahnen es, kein Spaziergang. Wir gehen nicht einfach mit einem neuen (Methoden-)Koffer durch die Tür und kommen in einer anderen Wirklichkeit an. Denn der „blinde Fleck“ in unseren Systemen ist in der Tiefe nicht die fehlende digitale Ausstattung, der marode Schulbau oder das Ausbildungscurriculum. Der „blinde Fleck“ liegt in der Art und Weise, wie wir uns als Gemeinschaft verstehen und organisieren und wie wir uns Selbst in und als Gemeinschaft erfahren (als Team, als Schule, als Familie, als Gesellschaft). Er liegt in der Art und Weise, in der wir kommunizieren, lernen, Beziehungen gestalten. Er liegt (auch) in uns selbst. Und darin liegt die Chance auf eine andere Form von Handlungs- und Gestaltungsfähigkeit: der Ko-Kreation. Was wäre, wenn wir dieser neuen Erfahrung Raum geben? Für unsere Lernorte bedeutet das u.a.:

  • Räume und Zeiten, in denen ein wertschätzendes, vertrauensvolles Miteinander gestärkt werden kann, sind fest verankert,
  • alle Beteiligten kennen Methoden und Tools, die die Erfahrung von Resonanz und eine verständnisintensive Kommunikation fördern und wenden diese regelmäßig an,
  • alle Beteiligten verstehen sich als bewusste Lerngemeinschaft und reflektieren regelmäßig ihre Erfahrungen im Entwicklungsprozess,
  • Begleitungs- und Unterstützungsstrukturen (Moderation, Coaching, regelmäßige gemeinsame Fortbildung) sind etabliert,
  • die unterschiedlichen und variierenden Potenziale, Ressourcen und Rahmenbedingungen aller Beteiligten sind bekannt und werden berücksichtigt.

Und ja: Wir meinen alle Beteiligten, auch wenn für Kinder, Jugendliche und Erwachsene unterschiedliche Zugänge erprobt werden dürfen. Der Rahmenlehrplan einer Schule des 21. Jahrhunderts darf Entwicklungsfähigkeit ins Zentrum stellen.

Unser Notfallkoffer ist mit Netzwerk Schule eine (digitale) Infrastruktur und ein Tool, in der und mit dem diese neuen Lern- und Erfahrungssettings möglich werden können. Denn dort, wo wir ein gemeinsames bewusst-Sein stärken dürfen, entsteht der Raum für Entwicklung und damit die Option auf eine gute Zukunft für alle.

„Still, I feel strongly that the most important tectonic shift of our lifetime is yet to come. It will be more fundamental than the earlier shifts, as dramatic and life-changing as they were. It will be a profound shift of paradigm and consciousness in how we relate to each other, to Mother Nature, and to ourselves — and how we transform and rebuild our societal institutions in the face of our social and planetary emergencies.“

(Otto Scharmer, Putin and the Power of Collective Action from shared awareness, Part 1)

Wir danken dem Presencing Institut und Otto Scharmer mit der Theorie U für die ermutigenden Grundlagen unserer Arbeit.

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